Drei Bluesplatten, die bleiben
In den vergangenen drei Jahren habe ich zahlreiche Blues-LPs auf den üblichen Plattformen verkauft (Verkäufername „Kalidass“), die aus einer Sammlung aus den 70ern stammten. Auch einige Blues CDs wurden mir abgekauft, obwohl der Markt für Gebraucht-CDs noch sehr schlecht war und erst allmählich wieder anzieht.
photo: Curt Hart, 2007
Die Trennung von diesen LPs und CDs fiel mir relativ leicht, weil mir klar war, dass ich sie jederzeit über Streamingdienste wieder würde hören können, wenn mir danach wäre. Zwar würde das zarte Knistern der LPs und das satte Einzugsgeräusch der CD-Lade fehlen, aber die Musik selbst würde zugänglich bleiben. Auch fehlte mir in den letzten Jahren der richtige Zugang zum Blues, wohl auch deshalb, weil meine samstäglichen akustischen Blues-Sessions mit einem Freund mich nicht dazu brachten, mich wirklich einmal (wieder) mit Blues intensiver zu beschäftigen. Das hat sich inzwischen wieder zum Positiven geändert (unten dazu mehr), und seit mindestens einer Woche bin ich in einem „Blues-Rausch“ und stoße jeden Tag auf Namen und Aufnahmen, die bei den wirklichen Blues-Fans gut eingeführt, für mich aber überraschende Entdeckungen sind.
Drei Blues-CDs aber werde ich niemals hergeben, zum einen, weil sie unübertrefflich gut sind, weil sie aber zum anderen auch mit persönlichen Erinnerungen verbunden sind, die weit zurückreichen.
Im Berlin der 60er-Jahre stellte beim Jazzfestival in der Philharmonie der damalige „Papst“ des deutschen Jazz-Journalismus, Joachim-Ernst Berendt, Programmabende auf, die später bei SABA als LPs veröffentlicht wurden. Eins dieser Programme widmete sich unter dem Namen „Guitar Workshop“ der Jazz-Gitarre in einer ungewöhnlichen Bandbreite. Von Elmer Snowden (am Banjo!), Barney Kessel und Jim Hall bis zum damals in Deutschland noch gänzlich unbekannten und das Publikum in Raserei versetzende Baden Powell reichte diese Präsentation der Gitarre im Jazz, und zwischendurch brachte Berendt ein veritables Blues-Monster aus Chicago auf die Bühne, der Staunen, Respekt, freundlichen Applaus, aber keinesfalls Frenetik auslöste wie später der brasilianische Saiten-Poet: Buddy Guy, Clubbesitzer und anerkannter Bluessänger und -Gitarrist aus Chicago ließ damals, wahrscheinlich, zum ersten mal in einer veritablen Philharmonie von sich hören. Für mich waren seine Falsett-Stimme und seine rohe Art, die E-Gitarre zu traktieren, elektrisierend. Seit diesem ersten Höreindruck blieb er mein persönlicher Favorit im Chicago-Blues. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts brachte er eine CD auf den Markt, die eine bei ihm bis dahin wenig bekannte Seite zeigte, nämlich den akustischen Blues. Guys Ruf als E-Gitarrist war, vor allem durch seine gemeinsamen Auftritte mit den Rolling Stones, lange weltweit etabliert, als er diese unplugged-CD vorlegte und sich damit mit den ganz Großen des Blues maß, erfolgreich, wie ich meine. Die spezifische Art Buddy Guys, den Blues zu singen, gepaart mit der traditionell rauen Art des akustischen Gitarrenspiels im Blues, machten diesen für Guy einmaligen Ausflug zu einem kleinen Juwel.
Buddy Guy, "Blues Singer", 2003, BMG oder Silvertone Records
Die zweite Scheibe, die bei mir bleibt, habe ich als LP bereits in den 60ern gehört. Sie erschien 1965 unter dem offiziellen Namen „The Yardbirds Live At The Craw-Daddy featuring Sonny Boy Williamson“. Ob einer der aus den Yardbirds hervorgekommen Weltstars, Eric Clapton, Jimmy Page oder Jeff Beck, auf dieser Platte schon dabei war, kann ich nicht sagen. Williamson nannte die Yardbirds „My boys“, und die Aufnahmen sind wie ein Familientreffen im musikalischen Wohnzimmer des Blues. Ich würde die ersten Takte des ersten Takes, „Bye-Bye Bird“, ohne Zögern aus Hunderten anderer Intros des Blues heraushören. Sonny Boy Williamson ist für mich immer noch der größte „mouth harp“-Spieler des Chicago-Blues. Heutige reprints dieser Platte enhalten neben den ursprünglichen liner-notes von Horst Lippmann noch ausführliche, wertvolle Informationen über den Auftrittsort und das Zusammenkommen dieser phantastischen Musiker aus der Feder von Chris Welch.
Sonny Boy Williamson & The Yardbirds, Repertoire 4776, reprint 2007
Schließlich noch die dritte CD, die für mich die wichtigste in diesem Trio ist. Auf sie bin ich gestoßen beim Aufbau eines kleinen CD-"Handapparats" zu dem amerikanischen Bassisten Charlie Haden, der im Jazz bekannter ist als im Blues, aber für seine starken Wurzeln in der "volkstümlichen" amerikanischen Musik bekannt ist. Er hat sich für diese CD mit den beiden Bluesmusikern James Cotton und Joe Louis Walker zusammen getan und eine Sammlung von Delta-Blues-Stücken eingespielt, die einen beim Hören sofort auf die "Porch" eines Holzhauses in den Südstaaten versetzt.
Es ist diese intime, familiäre Atmosphäre, die in dieser Musik herbeigezaubert wird, die mich in letzter Zeit mehr begeistert als Blues-Auftritte in großen Hallen mit frenetischem Publikum. In diesen Tagen höre ich die CD auch mit besonderem Respekt vor Joe Louis Walker, der vor einigen Monaten gestorben ist und sich hier auf ein sehr rudimentäres, akustisches Gitarrenspiel einlässt, das sonst nicht zu seinem Repertoire gehört. Wie Buddy Guy mit seiner akustischen Platte stellt sich Walker in große Schuhe seiner Vorgänger aus der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts. Er darf das aber, denn er spielt hier die akustische Gitarre genauso traditionsbewusst und kreativ zugleich wie in seinen elektrischen Chicago-Blues-Aufnahmen.
James Cotton, "Deep In The Blues", Verve-Gitanes, 1996













